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Die merkwürdige Eisenbahnstrecke von Casimirtal

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Lesezeit: 5 Minuten

Ein Bericht über einen mittlerweile stillgelegtern Bahnhof mit bizarrer Streckenführung

Janine und Stefan vom Blog gepacktundlos.com hatten die schöne Idee, man möge über einen Bahnhof schreiben, der für einen eine besondere Bedeutung hat. Ich möchte daher über den Bahnhof Casimirtal schreiben, der mir aus meiner Kindheit sehr gut in Erinnerung ist, der mittlerweile allerdings geschlossen wurde. Früher verbrachte ich mit meinem Vater dort viel Zeit.

Casimirtal ist ein kleines, unbedeutendes Nest. Es hat nur ein paar wenige Häuser, eine bizarre Mischung aus kleinen Einfamilienhäusern im Stil der 80er, gestrichen in hellblau und mattem gelb, und ein paar großen Schwarzwaldhöfen. Gelegen auf einem kleinen Plateau hat man einen berauschenden Ausblick auf den Doppelgipfel des Hausbergs, der sich majestätisch in den Himmel streckt. Ein kleiner, nameloser Bach entspringt knapp unterhalb einer der Kipfel und plätschert als dünnes Rinnsal gen Tal, wo sich das kristallklare Wasser als kleiner Tümpel sammelt. Das Wasser ist so rein, dass man ohne Probleme die Forellen beobachten kann, die von den Einheimischen gerne gefangen und nach geheimen Familienrezepten zubereitet werden.

Eigentlich ist Casimirtal ein Ort, der viel zu unbedeutend ist um dort einen Bahnhof zu vermuten, und doch gibt es einen. Er wirkt wie aus der Welt gefallen, ist er doch viel zu groß für die wenigen Bewohner des Ortes. Mit den 3 Bahnsteigen wirkt er auf den Betrachter völlig überdimensioniert. Auf gewisse Weise scheint er der Nabel der ganzen Ortschaft zu sein, die nur wegen dem Bahnhof überhaupt zu existieren scheint.

Wäre man von der Idylle nicht so vereinnahmt, es gäbe hier so einige Dinge, über die man sich wundern müsste. Das Gras rund um den Bahnhof scheint in merkwürdig künstlichem Grün zu erstrahlen. Und keiner der wenigen Fremden, die den Ort erreichen, kommen mit der Bahn. Genauso verwunderlich ist das völlige Fehlen von jeglichen Fahrplänen. Es bleibt also nur den Bahnhofwärter zu fragen. Dieser dickliche, ältere Herr ist ein idealer Gesprächspartner für den am Bahngleis Wartenden. Etwas Zeit sollte man schon mitbringen, da er immer zu einem ausschweifenden Gespräch über Gott und die Welt aufgelegt ist. Nur bei der Frage nach dem Fahrplan zuckt er nur mit den Schultern. „Däss wäss nur där liebe Herrgott“ sagt er dann meist und lenkt das Gespräch schnell wieder auf etwas anderes.

Tatsächlich braucht der Ort auch keine Fahrpläne. Der Bahnhof in Casimirtal verdankt seine Existenz der Weihnachtslaune, in der einige hohe Herren vor langer Zeit waren. Aus dieser Laune heraus ist ein Bahnhof entstanden, der ein vermutlich einzigartiges Kuriosum ist. In 3 verschiedene Richtungen können die Züge fahren. Es wurden 4 Tunnels in den Berg gegraben und in eine Flanke des Hausbergs eine beeindruckende Panaromastrecke gesprengt. Doch alle Gleisstrecken sind nur miteinander verbunden. Egal welche Strecke man nimmt, egal welchen Pass man überquert, egal durch welchen Tunnel man auch fährt, man kommt am Ende doch immer wieder in Casimirtal an. Denn keine der Strecken hat ein anderes Ziel als den Start.

Der Reisende schüttelt den Kopf voll Unverständnis, die Einheimischen scheinen sich an diese Sinnlosigkeit der Planer im Lauf der Jahre gewöhnt zu haben. Selbst die Tatsache, dass trotzdem tagein tagaus hier bis zu 4 Züge gleichzeitig auf der Strecke unterwegs sind, zum Hälfte welche für Güter, zur anderen Hälfte für Personen, aber alle mit mächtig vielen Dellen und Kratzern, wird einfach akzeptiert. Dass die Wagons fast immer leer sind ist ob der unsinnigen Strecke auch dem Ortsunkundigen schnell verständlich.

Lange Zeit mussten die Weichen auf der Strecke noch von Hand gestellt werden. Dazu musste der Bahnhofswärter bei Wind und Wetter so loslaufen, dass er rechtzeitig bei den zum Teil sich in unzugänglichen Gelände befindlichen Weichen angelangte. Für manche der Gleise waren bergziegengleiche Kletterfähigkeiten von Nöten. Darum schaffte es der Bahnhofswärter auch nicht immer rechtzeitig die Weichen zu stellen und es kam fast täglich zu Zusammenstößen zwischen den Zügen. Zwar gab es kaum Opfer zu beklagen, da die Züge ja fast immer leer waren, doch trotzdem entschied man sich irgendwann dazu die Weichen zu elektrifizieren. Der Bahnwärter war davon entzückt, nun nicht mehr bei jedem Wetter die langen, anstrengenden Wege gehen zu müssen. Der ganze Ort feierte als die Arbeiten endlich begannen. Die Anfangseuphorie verfolg schnell, als man merkte, dass aus Kostengründen billiges, kaum funktionierendes Material gekauft wurde, dass von ungelernten Arbeitern installiert wurde. Trotzdem wurden die Strecken weiter befahren und die Anzahl der Unfälle und Zusammenstöße sank nicht, sondern stieg sogar. Um den Tourismus anzukurbeln wurde eine noch leistungsstärkere Lokomotive angeschafft. Diese schaffte den steilen Anstieg der Panaromastrecke mühelos, doch war sie oft zu schnell für die engen Kurven, und so sprang sie immer wieder aus den Gleisen. In diesen Momenten hielten alle Einwohner von Casimirtal den Atem an, hoffend und betend, dass der Zug nicht ins Tal stürzen und eine Schneise der Verwüstung durch den Ort ziehen würde.

Heute ist von dem Bahnhof nichts mehr zu finden. Ob der merkwürdigen, unsinnigen Planung und der vielen, vielen Zugunglücke, die sich auf der Strecke ereigneten, mutet es wie ein Wunder an dass überhaupt so lange ein aktiver Zugverkehr herrschte. Bis heute gibt es aber Gerüchte in Casimirtal die besagen die Zusammenstöße der Züge seien hauptsächlich kein Fehler der Streckenplanung, sondern dass der Betriebswart des Umschaltwerks habe die Weichen absichtlich falsch gestellt um die Züge miteinander kollidieren zu lassen. Nachverfolgt wurde dies nie, und so weht dieses Gerücht noch heute wie ein geisterhafter Schatten über die Ruinen des stillgelegten Bahnhofs.

Bei dem Bahnhof handelt es sich um einen Bahnhof, der für mich als Kind wichtig war. Ich mochte es dort am Gleis zu sitzen und den Zügen zuzuschauen. Jeder Zusammenstoß ließ mich vor Freude lachen. Zum Glück handelt es sich bei dem Bahnhof um meine Modelleisenbahnplatte, die ich als Kind zu Weihnachten geschenkt bekommen habe, und die ich hier versucht habe zu beschreiben.

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