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Erinnerungen an den Neckarsteig

Lesezeit: 10 Minuten

Rückblick auf den Neckarsteig

Bei eisigen Temperaturen um den Gefrierpunkt herum habe ich die letzte Etappe des Neckarsteigs nun endlich abgeschlossen. Und dabei auch direkt wieder den Wert einer alten Wanderweisheit zu schätzen gelernt: Ziehe dich wie eine Zwiebel an. In Anbetracht der Temperaturen habe ich das selbstverständlich gemacht: Langes Unterhemd, T-Shirt, Thermojoggingjacke, Pullover, Pullover, Jacke, Jacke. Unternrum ähnlich. Kaum mehr bewegen konnte ich mich, und so habe ich, nachdem ich den Wald erreicht habe, erst Mal eine modische Umgesaltung vorgenommen, wodurch ich den Rucksack danach voll mit Klamotten hatte. Könnte sein das ich doch übertrieben habe mit dem Zwiebeln.

Bei frostigen Temperaturen auf dem Neckarsteig unterwegs

Den Neckarsteig endlich abzuschließen war eines der Ziele für 2019. Endlich nicht deshalb, weil ich es wie Staubsaugen hinter mich bringen wollte, sonder weil es ein befriedigendes Gefühl ist ein Vorhaben zu seinem Ende zu führen. Und nun sitze ich vor dem prasselnden Kaminfeuer, selbstzufrieden wie Bolle, um die Passagen der Wanderung noch einmal Revue passsieren zu lassen und mir dabei wie Großvater vorzukommen. Irgendwie schön.

Reflexion vor dem prasselnden Feuer

Der Horror der Himmelsleiter

Gelaufen bin ich den Neckarsteig nicht in der vorgesehenen Reihenfolge, sondern immer so, wie ich grade Lust hatte oder es passte. Der offizielle Einstieg ist von Heidelberg nach Neckargemünd. Das Stück habe ich lange vor mir hergeschoben, da hier die Himmelsleiter bezwungen werden muss. Der Name sagt schon alles. Eine endlose Treppe aus grob behauenem Sandstein. Jede Treppennstufe unterschiedlich hoch. Und von den Scheißdingern gibt es über 1200, die Stufen bis zum Schloss nicht mit inbegriffen.

Irgendwann wollte ich wissen ob ich dieses Stück packe. Und falls ich es nicht packen würde wäre der Aufstieg in den Himmel immerhin schon mindestens zur Hälfte gepackt. Natürlich lief der Anfang super. Aber so ab Stufe 300 war dann die Luft raus. Alle 80 Stufen 10 Minuten Pause. Es hat sich schrecklich deprimierend angefühlt, doch da ich unter der Woche gelaufen bin wurde mir wenigstens die Demütigung erspart von Rentergruppen überholt zu werden, die sich, während sie pfeifend an mir vorbeiziehen, über die Fitness der jungen Leute lustig machen. Und da ich nicht sprechen kann, da ich nach Luft japsend den Weg blockiere, kann ich ihnen auch nicht erklären dass ich schon lange nicht mehr der Jugend zuzurechnen bin und viel näher an ihnen dran bin als sie denken.

Natürlich ist der Ausblick, wenn man oben angekommen ist, fantastisch. Doch ich muss ihn mir mit Touristen und Wespen teilen. Erstere fahren ganz bequem mit der Bergbahn hoch und haben diesen Blick nicht verdient. Und dann blockieren sie mir auch noch die Sicht. Nicht so schlimm, ich bin eh erschöpft und will eigentlich erst mal was Essen. Doch weil es das Superwespenjahr ist bleibt mir sogar das verwehrt und so ziehe ich hungrig und am Ende meiner Kräfte weiter. Immerhin habe ich die Himmelsleiter bezwungen.

Kein GPS, kein Internet

Ein Tag der Route hat sich besonders tief bei mir eingbrannt. Und das durchaus im wörtlichen Sinn, denn die Sonne hat an dem Tag ohne Gnade auf unsere Häupter gestochen. Da kam es uns durchaus gelegen, dass wir nur eine kleine Route geplant hatten. Ein paar Kilometer locker laufen, das war trotz des Wetters durchaus möglich. So war unsere Übelegung.

Mit leichtem Gepäck – ein anderes Wort für wenig Wasser und Essen – machten wir uns auf den Weg. Der Neckarsteig ist die meiste Zeit über gut ausgeschildert, trotzdem hatte ich zur Unterstüzung natürlich das Handy dabei. Was soll da schief gehen.

An die Route habe ich keine Erinnerungen. Hügel, Wald, es war bestimmt ganz zauberhaft. Ich Erinnere mich aber sehr gut daran, dass irgendwann die Markierung weg war. Kein Problem, auf dem Handy schnell nach dem Weg schauen. Und dabei gemerkt, dass ich im Wald weder GPS habe noch eine Verbindung ins Internet. Klar, wir sind im Wald, irgendwo in der Pampa, da gibt es nichts, kein LTE, G2, G3 oder G4, nicht mal eine alte 64k-Modem-Verbindung. Super für digital detox, mäßig gut  wenn ich nach dem Weg suchen muss.

Zum Glück kamen zwei Wandersfrauen den Weg entlang. Neckarsteig, klar, kennen sie, sind sie auch schon gewandert, mehrfach. Sehr schöne Strecke, hach, sie kommen ins Schwärmen. Und den Weg kennen sie selbstverständlich auch. Fantastisch! Denn ein GPS-Signal habe ich zwar jetzt, aber in Verbindung mit der Onlinekarte ohne Online ist das weiterhin so hilfreich wie ein halbes Paddel.

Wir also dankbar, dass der Himmel uns diese beiden Engel über den Weg geschickt hat. Wir sind ihrer Wegbeschreibung gefolgt und wähnten uns auf dem rechten Wege, doch little did we know. Denn die beiden vermeidlichen Engelchen waren in Wirklichkeit von Satan direkt beauftragten worden, uns von unserem rechtschaffenen Weg abzubringen. Denn der Rat der beiden führte uns ewig weit vom Steig weg. Was wir aber erst merkten, als wir in die Nähe einer menschlichen Siedlung kamen, die uns mit GPS und Internet versorgte.

Große Umwege sind mit dem Auto nervig, aber zu Fuß ist es richtig scheiße. Vor allem bei Temperaturen, die sonst nur im innersten Kreis der Hölle gemessen werden. Und dann war ja da noch die Sache mit dem leichten Gepäck, wodurch wir viel zu wenig zu essen und zu trinken hatten. Dafür hatten wir Hunger wie die Bären, Wadenkrämpfe und Sonnenbrand. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch zu solchen Glücksgefühlen fähig wäre, als wir endlich an der finalen S-Bahn-Station ankamen. Die natürlich, ist doch klar, in Heidelberg wegen eines Streckenschadens nicht weiterfahren konnte. What a glorious day.

Der deutsche Grand Canyon

Offensichtlich nicht der Grand Canyon

Die Etappe durch die Magaretenschlucht war für mich die erste Etappe, die ich gelaufen bin. Damals war ich am Tiefpunkt meiner körperlichen Leistungsfähigkeit, und so war es einigermaßen frustrierend, dass der Freud, mit dem ich die Etappe gelaufen bin, ständig hüpfen und pfeifend vor mir hergelaufen ist, während ich hinterherkam wie eine schnaufende Dampflok. Nur nicht so schnell.

Natürlich ist mir klar, dass es die Aufgabe eines Reiseführers ist mir Appetit zu machen, indem er möglichst ansprechende Bilder vor meinem inneren Auge erschafft. Und vermutlich hat meine Fantasie es dann auch noch aufgeblasen. Am Ende klang für mich die Magaretenschlucht wie die deutsche Antwort auf den Grand Canyon.

Doch das ist sie nicht. Diese völlig unrealistische Erwartung konnte gar nicht erfüllt werden. Darum ist die Erinnerung an diese Etappe geprägt von Enttäuschung ob der Schlucht, was enorm gemein ist, da die Magaretenschlucht ein wirklich schönes Stück Weg ist, zwar steil, doch auch irgendwie mystisch mit den vielen kleinen Wasserfällen, dem moosbewachsenen Sandstein, der hohen Luftfeuchtigkeit, und auch ein kleines bisschen abenteuerlich mit den Passagen, in denen man über genau jene Steine hüpft um keine nassen Füße zu bekommen.

Alpine Herausforderung

Genau wie in den Alpen

Von Eberbach nach Neunkirchen wartet ein besonderes Schmanckerl. Anstrengend und gefährlich ist die Strecke, weshalb es auch zahlreiche Hinweisschilder gibt, die einem sagen in der Nähe welchen Rettungspunktes man sich befindet. Das macht es den anrückenden Rettungshelikoptern einfacher zu wissen, wo im steilen, unzugänglichen Gelände sie die Rettungsbernhardiner rausschmeißen müssen.

Zugegeben, ich war schon länger nicht mehr in alpinem Gelände unterwegs, darum sind meine Erinnerungen wie es dort aussieht nicht mehr so ganz frisch. Aber so wie dort sah das sicher nicht aus. Im Ernst, ich habe keine Ahnung warum das als alpines Gelände gilt. Würde es nicht so großspurig angekündigt werden, ich hätte nicht gemerkt, dass der Weg in irgendeiner Weise sich von den anderen Abschnitten unterscheidet.

Eine realere Gefahr für Leib und Leben war da die Waldarbeiter. Die hatten den Weg nach Neunkirchen wegen Baumfällarbeiten gesperrt. Und nicht nur den Weg, sondern auch jede nur denkbare Alternativroute. Ich sah mich in Gedanken schon die letzten 5km fluchend zurücklaufen, da wurde ich des in der Nähe parkenden Waldarbeiterautos gewahr. Und dort saßen sogar zwei Typen drin. Neee, meinen sie auf meine Nachfrage, anderer Weg gibt es nix. Aber nix Problem, ich soll einfach laufen, sie machen für mich einfach etwas länger Pause und warten mit Weiterarbeiten bis ich durchgelaufen bin. Und nehmen dabei einen langen Zug aus der Vodkapulle. Dabei habe ich mich gefragt wie gut die Kombination von Hochprozentigem und Kettensäge ist. Wollte aber nicht nachfragen, immerhin haben sie für mich gewartet. Unklar bleibt nur, ob die Warnung an der Absperrung für mich war oder ob sie die nicht für sich selbst aufgehängt haben.

Der Hirschhorner Treppenhorror

Von Hirschhorn nach Eberbach ist meine Schwester mitgelaufen. Das hat mich so gefreut, dass es mir auch egal war gelesen zu haben, dass diese Etappe besonders schlecht für Kinderwägen geeignet ist. Und ich bin froh nicht so genau vorher auf die Karte geschaut zu haben, denn sonst hätte ich sie vielleicht nicht mitgenommen.

Der Aufstieg in Hirschhorn sorgt dafür, dass man sofort warm wird. Per Treppe geht es zur Burg hoch. Positiv war, es ist eine richtige Treppe, nicht so eine Naturtreppenvollkatastrophe wie bei der Himmelsleiter. Negativ aufs Treppensteigen ausgewirkt hat sich der Kinderwagen, den wir hochschleppe mussten. Immerhin konnten wir dadurch häufig anhalten, die Aussicht genießen und den Puls auf 160 runterkommen lassen.

Am Schloss angekommen waren wir erst mal froh, denn ab jetzt würde es leichter werden. Das schlimmste Stück geschafft. Das war auch fast 500 Meter lang richtig. Dann wurde der Neckarsteig zu einem Trampelpfad, der mit Kinderwagen nicht zu schaffen war für uns. Zum Glück gab es ja für den Aufstieg eine Alternative. Um dorthin zu kommen mussten wir nur ein paar hundert Meter einen Weg gehen, der in der Karte dünn gestrichelt dargestellt war.

Da nur die ersten 10 Meter ein wildes Gestrüpp waren entschieden wir diesen Weg zu nehmen. Das war so lange eine gute Idee, bis wir die letzten Meter sahen. Selbst mit Heckenschere und Machete wäre das schwer geworden, aber statt dieser Werkzeuge hatten wir nur einen Kinderwagen, den ich, beseelt von der Idee es mit purer Kraft zu schaffen, volle Pulle so in den Brombeerbüschen versenkt habe, dass es kein vor und kein zurück mehr gab. Immerhin hatte meine Schwester ihr Kind vorher raus genommene. Am Ende war unsere Lösung den Kinderwagen auseinanderzubauen und ihn in vielen Einzelteilen hochzutragen, ihn dort zusammenzusetzen und dann nach den in der Brombeerhecke verschwundenen Teilen zu suchen. Ich überlege, eine Kinderwagen-Heckenscherenkombination auf den Markt zu bringen, bin mir aber nicht sicher wie viele Dschungelexpeditionen es gibt, die dafür Bedarf haben.

Übernachtung im Regen

Einen Teil des Steigs bin ich mit zwei Freunden gelaufen. 3 Etappen in zwei Tagen, ein durchaus ambiontiertes Programm. Es gibt einige schöne Erinnerungen an dieses Wochenende. An einer Jugendherrberge auf dem Weg haben wir Halt gemacht, um uns dort mit Wasser zu versorgen, und sind mitten in eine esoterische Veranstaltung geraten. Die Leute waren sehr nett, nur die Leiterin fand es sehr ungeil, dass wir die positiven Energien, die sie dort kreierten, durch unsere Anwesenheit vergifteten. Mit dem Wasser haben wir unterwegs Kaffee gemacht, irgendwo auf dem Feld, unter einem Baum. Eine tolle Pause.

Hauptsächlich in meinem Gedächtnis geblieben ist der Abend. Wir wollten irgendwo im Wald übernachten. Die Schutzhütte, in der wir schlafen wollten, war zu klein für drei prächtige Kerle wie uns, und so mussten wir also spontan was anderes suchen. Fast zwei Stunden sind wir also bei Dunkelheit umhergewandert auf der Suche nach einem adäquaten Schlafplatz. Wobei unsere Ansrüche mit zunehmender Suchdauer immer weiter abnahmen, bis irgendwann nur noch der Wunsch nach einem flachen Platz war, an dem wir uns hinlegen können. Und so lagen wir also irgendwann am Rande des Waldes am Hang.

Die Reibung zwischen einem sehr glatten Schlafsack und einer sehr glatten Luftmatratze ist gering, weshalb wir im Schlafsack immer wieder den Berg hochrobben mussten zu unseren Matratzen. So lagen wir ewig da unter einem funkelnden Sternenhimmel, sangen die größten Hits vom Biervampier, rutschen den Berg runter, und wurden morgens gegen 5 von einsetzendem Regen geweckt. So ging es mit wenigen Stunden schlaf, aber dafür mit einem unter einem Bauch vor dem plätschernden Regen Schutz suchend frisch gekochten Kaffee weiter. Es war großartig.

Ein schöner Abschluss

Ja, der Neckarsteig ist jetzt zu Ende gelaufen. Ob ich mir für nächstes Jahr einen neuen Fernwanderweg aussuche muss ich mir noch überlegen. Der Niebelungenweg ist nicht weit. Aber noch bin ich unentschlossen, vielleicht ist es schöner Mal gezielter einzelne Wanderungen rauszusuchen.

 

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