Reisen

Intensiv Reisen mit Slow Travel

Lesezeit: 7 Minuten

Reisen ist etwas Tolles. Die Welt erkunden, neue Erfahrungen machen, den eigenen Horizont erweitern. Doch was hat intensiv Reisen mit Langsamkeit zu tun? Und warum klingt der Titel wie ein Buch übers Abnehmen? Zumindest darauf gibt es hier keine Antwort.

Slow Travel. Vor kurzem war ich ein paar Tage mit meinem altersbedingt nicht mehr ganz so gut zu Fuß seiendem Vater ein paar Tage unterwegs. Obwohl das bedeutet in Turtle Speed unterwegs zu sein ist das mit Slow Travel nicht gemeint. Vielmehr geht es um ein Buch von Dan Kieran mit diesem Namen, das ich vor kurzem zu Ende gelesen habe. Und weil ich nicht alles in einen Post quetschen wollte gibt es auch einen zweiten Teil dazu.

Unterwegs mit Bus und Bahn

Aufhänger seiner Ausführungen ist das Bahnfahren, für das er eine Lanze bricht. Er erzählt wie es dazu gekLangsam intensiv Reisen mit dem Zugommen ist, dass er zu seinen Reisezielen nicht mehr fliegt um in wenigen Stunden anzukommen, sondern lieber mehrere Tage Anreise mit Zug und Fähre in Kauf nimmt und dies keine verschwendete Zeit ist. Er berichtet von Wanderungen in Nachbarortschaften, Alternativen zum Reiseführer und der Beobachtung von Adler bei Sturm.

Für mich war das Buch ein Zufallsfund. Ich habe beim Aufräumen einen tausend Jahre alten Büchergutschein gefunden und bin los um zu schauen ob er noch angenommen wird oder als antikes Stück mich zu Reichtum bringen kann. Kein Reichtum, aber immerhin war er noch nicht abgelaufen. Beim Stöbern unter den Büchern, wo ich eigentlich einen neuen Wanderführer im Auge hatte, stieß ich dann auf besagtes Buch und kaufte es in der Hoffnung damit eine seit Jahren schlummernde Frage beantworten zu können:

Wie kann ich mein Reiseerlebnis intensivieren?

Denn vor jedem Urlaub stelle ich mir wieder diese Frage.

Unterschied zwischen Reisen und Urlaub

Vielleicht liegt in dieser Frage schon ein Teil der Antwort. Wie kann ich aus einem Urlaub eine Reise machen. Denn ich verstehe diese beiden Begriffe nicht als Synonyme.

Ein Urlaub ist etwas Touristisches. Diesem Wort hängt in unseren Tagen ein Makel an. Niemand will mehr ein Tourist sein. Von mir aus kann man auch Urlauber sagen. Ein Urlaub zeichnet sich durch das Ziel aus sich zu erholen. Und so geht man einen Ort, wo man das kann. Ein schönes Hotel mit Pool, all inclusive, Klimaanlage, Strand. Ein Urlaub wird nicht zu einer Reise indem man bei der deutschsprachigen Reiseleitung im Hotel eine Busfahrt nach Pamukkale oder zu irgendwelchen historischen Ruinen bucht um auch etwas Kultur mitzubekommen.

Denn eine Reise zeichnet sich dadurch aus unterwegs zu sein, um die Region zu erkunden, zu verstehen, einzutauchen. Häufig werden die extremen oder besonderen Erfahrungen gesucht, wohingegen es beim Reisen darum geht die echten Erfahrungen zu machen, soweit dies möglich ist. Eine Reise zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sie anstrengend ist. Aber ich fühle mich nach einer Reise oft reif für einen Urlaub.

Und auch wenn dem Touristen ein Makel anhaftet, so gibt es keinen Grund überheblich zu sein und sich über ihn zu stellen. Wer einen harten, womöglich körperlich anstrengenden Beruf ausübt, der möchte seinem Körper auch die Pause gönnen die er braucht um wieder zu Kräften zu kommen. Für den ist es wichtig auszuschlafen, sich zu entspannen und regelmäßig gutes Essen zu bekommen um für den Alltag zu Hause gewappnet zu sein.

 

Langsam und intensiv Unterwegs
Ist das Intensiv?

Mehr aus seiner Reise machen

Dan Kieran hat ein paar gute Inspirationen auf Lager wie eine Reise mehr werden kann. Und das mehr bezieht sich nicht darauf mehr zu erleben oder mehr Sehenswürdigkeiten abzuhaken, sondern ist viel eher als ein intensiveres Erleben zu verstehen.

Einer seiner Grundsätze ist die Anreise mit Bahn und Fähre. Und das nicht wegen der Kohlendioxidbilanz oder weil es ein abenteuerlicheres Feeling gibt, sondern um seiner Seele Zeit zu geben mit auf die Reise zu gehen. Denn im Flugzeug kommt der Körper zwar schnell Ziel an, doch die Seele wird zurückgelassen. Sie braucht Zeit um sich auf den neuen Ort einzustimmen. Die üblicherweise stressige Zeit, in der man neben dem Arbeitsalltag noch schnell alles wäscht was man mitnehmen will, eine neue Badehose einkauft weil man doch nicht abgenommen hat und die alte darum nicht mehr passt und wegen einer Impfung zum Arzt rennt ist zwar technisch gesehen Vorbereitung auf die Reise, aber sie stimmt einen nicht darauf ein.

Anreise mit dem Esel

Durch die langsame Anreise dagegen kann man sich gedanklich auf das Bevorstehende einlassen. Hilfreich dabei ist es, dass man auch sieht wie sich die Landschaft um einen verändert, wie die vorbeiziehenden Häuser und Kirchen ihr Aussehen ändern, die Sprache der Mitreisenden wechselt. All dies lässt einen viel besser realisieren, dass man an einen anderen Ort kommt als wenn man im Flughafen das Flugzeug betritt, dann viele Stunden in einer beengten, gleichbleibenden Umgebung ist und dann in einer gänzlich anderen Umgebung ankommt. All die Wälder und Wasser und Berge, die man überquert hat, sind gänzlich an einem vorbei gegangen. Und wer sagt, durch diese Art des Reisens verschwende man ja unglaublich viel Zeit um Sachen zu besuchen, der möge bedenken, dass die Anreise durch das intensivere Erleben ein integraler und sogar genussvoller Teil der Reise wird, ganz im Gegensatz zu der Anreise mit dem Flugzeug, die man üblicherweise einfach nur hinter sich bringen will damit der Urlaub beginnen kann. Wenn man es mit dieser Perspektive betrachtet dann hat man nun sogar mehr Reisezeit.

Asiatisches Powerreisen

Insgesamt ist der Ansatz des Buchs nicht das es wirklich darum geht langsam unterwegs zu sein, sondern achtsam, mit Zeit. Das ist deutlich leichter, wenn man langsam unterwegs ist und keinen Stress hat, sondern die Möglichkeit hat den Moment aufzunehmen, wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Wie oft machen wir uns lustig über die Touristen aus Asien, die Europa in 5 Tagen bereisen. In Mannheim habe ich in einem Café ein Paar aus Taiwan kennengelernt, die 2 Wochen in Europa sind und die ganze Zeit in Mannheim verbringen. In Mannheim. Wer mal hier war der wird sich ob so einer Aussage kräftig an den Kopf klatschen. Vielleicht, haben sie gemeint, besuchen sie noch Heidelberg, wo man mit der Straßenbahn hinfahren kann. Aber sie wollen das so machen, um ihre Umgebung aufzunehmen und wirken zu lassen.

Der Wahnsinn der Rubbelkarte

Viele, die sich selbst als Reisende bezeichnen, haben im Flur oder Wohnzimmer eine Weltkarte, auf der man die bereits besuchten Länder freirubbeln kann, damit jeder auch direkt sieht mit was für weitgereisten, abenteuerlustigen Menschen man es zu tun hat. Ich mag diese Karten nicht, denn ich finde es idiotisch nach einem langen Wochenende in Moskau die halbe Welt freirubbeln zu können. Da dauert das rubbeln ja länger als der Aufenthalt. Das könnte vielleicht als Grundregel für solche Karten dienen. Wer weniger Tage vor Ort war als er Minuten zum rubbeln braucht, der darf nicht rubbeln. Aber wie soll man vorher wissen wie lange man zum rubbeln braucht, und wenn es erst mal weggerubbelt ist, dann kann es ja nicht mehr hingerubbelt werden. Bedeutet das wirklich, dass Land bereist zu haben? Wie oft ziehen wir darüber her, dass die Amerikaner denken in Deutschland trägt jede Lederhose. Steht hinter der Rubbelweltkarte nicht das gleiche Denken? Ich war mal dort, dann kenn ich alles, da wird es schon nicht so unterschiedlich sein.

Instantkaffee am See

Wenn ich an meine intensivsten Reiseerfahrungen denke, dann fällt mir die Wasserburg Trakai in Litauen ein. Wir waren samstags oder sonntags dort, sind viel zu früh vor Ort gewesen und mussten darum ein paar Stunden totschlagen. Nix von den dortigen Tourisachen hatte schon offen, und so landeten wir allein auf der Terrasse eines Ruderclubs, tranken dort einen leckeren Instantkaffee, schauten zu wie eine Reihe von Wassersportler ihre Boote zu Wasser ließ, in dem sich die noch tief stehende Sonne spiegelte und uns beim Betrachten des Wasserschlosses blendete. Das war viel intensiver als die Besichtigung des Schlosses danach, wo ich mich an nichts erinnern kann.

Intensiver Genuss am See

Und so stimme ich der Grundaussage des Buches zu, dass es der Schlüssel zu einem intensiveren Reisen ist, wenn man seine Top 10 Sehenswürdigkeiten TripAdvisor Liste zu Hause lässt, am besten zusammen mit der Angst etwas zu verpassen. Und dafür sich die Zeit nimmt sich treiben zu lassen und den Ort mit allen Sinnen und offenen Herzens wahrzunehmen. Auf diese Weise wird eine Reise intensiver.

Wie seht ihr das mit der langsamen Anreise? Habt ihr Anregungen und Tipps, wie aus einer Reise eine intensivere Erfahrung wird? Dann lasst uns darüber in den Comments ins Gespräch kommen.

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