Leidenschaft

Von der Notwendigkeit auch gute Ideen nicht zu verfolgen

Lesezeit: 4 Minuten

Es gibt Menschen die nichts machen, weil sie keine Ideen haben. Und es gibt Menschen die nichts machen, weil sie zu viele Ideen haben. Klingt merkwürdig, ist aber so. Ich zähle mich selbst eher zur zweiten Gruppe. Bei mir herrscht selten ein Mangel an Ideen, was ich machen kann. Häufig fühlt es sich eher so an als würde mein Kopf gleich platzen, weil ich so vieles gerne tun und machen möchte.

Ende letzten Jahres bin ich, keine Ahnung mehr was ich genau gesucht habe, auf die Seite eines Händlers für Perlen und Edelsteine gestoßen. Ich war wie vom Blitz getroffen, saß vor meinem Bildschirm und habe auf die Tastatur gesabbert. Ja, es waren wirklich Edelsteine. Unzählige Ideen was man alles damit Tolles machen könnte schossen mir durch den Kopf. Kurze Zeit später kam dann ein großes Packet mit Perlen, Schnüren und Zubehör bei mir an. Nach einigem planlosen Ausprobieren wich die Anfangseuphorie einer Lähmung.

Die Vielzahl der Ideen und Bilder, zum großen Teil nur schemenhaft, ließ mich mal hier und mal da was ausprobieren, ohne richtig voran zu kommen mit auch nur einer der Vorstellungen, die ich hatte. Es machte zwar irgendwie Spaß meiner Kreativität freien Raum zu geben, doch es war vor allem unbefriedigend so auf der Stelle zu treten. Also schnappte ich mir mein Brainstormingnotizbuch und bin Kaffee trinken gegangen, um Ordnung ins Chaos zu bringen. Es war ziemlich schmerzhaft, weil ich dabei mehr und mehr Ideen abschneiden musste, um eine klarere Vorstellung davon zu gewinnen was ich machen will. Von vielen schönen Vorstellungen musste ich mich verabschieden.

Jetzt wird es Theologisch.

 „Alle Reben am Weinstock, die keine Trauben tragen, schneidet er (Gott) ab. Aber die Frucht tragenden Reben beschneidet er sorgfältig, damit sie noch mehr Frucht bringen.“

Jesus in Johannes 15,2

Jesus sprach zwar über etwas anderes, aber das Prinzip lässt sich auf andere Bereiche übertragen. Zunächst wird all das, was kein Leben in sich trägt, abgeschnitten. Es ist tot, es hilft nicht, aber solange ich mich damit beschäftige braucht es Zeit, Energie oder Aufmerksamkeit. Darum schneidet man diese toten Triebe am besten ab, damit die Ressourcen an derer Stelle zur Verfügung stehen. Doch es bleibt nicht dabei. Auch die guten Triebe werden überprüft und überflüssiges abgeschnitten, damit die Pflanze noch mehr gedeiht, damit aller Saft in die wirklich guten Früchte fließen kann.

Leben im Schlaraffenland

Würden wir in einer Welt leben, in der man unendlich viel Zeit und Kraft zur Verfügung hätte, dann wäre dieses Prinzip überflüssig. Wir könnten viel Zeit mit Freunden oder Familie verbringen, könnten uns trotzdem voll im Job austoben, allen Interessen nachgehen, hätten trotzdem noch Zeit für Sport und Gesundheit und wären dabei immer Ausgeruht. Und jeden Nachmittag würde es Schokokirschen vom Himmel regnen, die nicht dick machen und trotzdem lecker schmecken. Doch leider sieht die Realität anders aus.

Ich erinnere mich an nicht viel aus meinem VWL-Studium außer an die Opportunitätskosten. Damit hätte ich mein VWL-Studium nach der zweiten Vorlesung des ersten Semesters beenden können, weil ich zu diesem Zeitpunkt alles Sinnvolle aus diesem Studium mitgenommen habe. Danach kam nix wichtiges mehr. Unter Opportunitätskosten versteht man das, was einem durch die Wahl einer anderen Sache entgeht. Wenn ich auf die Party von Pia gehe und darum nicht auf die von Sandra, dann ist Sandras Party meine Opportunitätskosten. Ich bin durch eine endliche Verfügbarkeit von Zeit und Energie beschränkt.

Weil das so ist muss ich lernen mich selbst zu beschränken. Wenn ich zu viele Ideen habe, dann werde ich nicht alle davon umsetzen können. Dafür reicht meine Zeit einfach nicht. Also muss ich mich beschneiden, um nicht nur ein paar kümmerliche Früchte hervorzubringen, sondern süße, pralle, leckere. Wenn ich eine schlechte und eine gute Idee habe, dann ist es einfach mich zu fokussieren. Aber wenn ich zwei gute Ideen habe, dann wird es viel schwerer. Denn wenn ich jetzt etwas abschneide, dann bleibt eine schöne Idee auf der Strecke. Meine Opportunitätskosten sind nicht eine schlechte, sondern eine gute Idee.

Sich verabschieden ist schwer

Das kann ganz schön schmerzhaft sein, da es sich so anfühlt als würde ich etwas Liebes verlieren. Und doch hat diese Medaille auch eine andere Seite. Die Ideen, auf die ich verzichte, mögen gar nicht scheiße gewesen sein, sondern gut. Doch das Gute ist der Feind des Besseren. Denn wenn ich keine Zeit mit den schlechten, mittelmäßigen oder guten Ideen verbringe dann kann meine ganze Kraft in die sehr guten fließen.

Abgesehen davon bedeutet es ja nicht unbedingt die Sache für immer fallen zu lassen, vielleicht bedeutet es ja auch nur ein noch nicht jetzt. Mir hilft das etwas um Ideen loszulassen. Und in der Regel vermisse ich die Vorstellungen auch gar nicht mehr, wenn ich sie mal losgelassen habe.

Vor kurzem hatte ich es mit einem Bekannten, der auch ständig Ideen hat was er alles machen könnte, darüber, wie hilfreich es ist sich selbst zu beschneiden. Ich fand unser Fazit sehr gut:

Am Ende muss ich überlegen was mir wichtiger ist: Vieles zu wollen oder etwas zu erreichen.  

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